{"id":1589,"date":"2013-03-08T15:23:28","date_gmt":"2013-03-08T14:23:28","guid":{"rendered":"http:\/\/cepal.lu\/WordPress3\/?p=1589"},"modified":"2013-08-30T15:46:47","modified_gmt":"2013-08-30T13:46:47","slug":"strommarkt-bietet-potentiell-neue-chancen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/centralepaysanne.lu\/WordPress3\/?p=1589","title":{"rendered":"Strommarkt bietet potentiell neue Chancen"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: center;\"><strong><span style=\"line-height: 1.4em;\">Fachvortrag von Professor Leprich im Rahmen der Biogaskonferenz in Ettelbr\u00fcck<\/span>\u00a0<\/strong><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 26.02.2013 veranstaltete die Biogas-Vereenegung eine Fachkonferenz in Ettelbr\u00fcck. Nachdem De Letzeburger Bauer in der letzten Nummer den Fokus auf die Diskussionsbeitr\u00e4ge gelegt hat, wird es im nachfolgenden Beitrag um den Fachvortrag von Professor Dr. Uwe Leprich, dem wissenschaftlichen Leiter des Instituts f\u00fcr Zukunfts-Energie-Systeme (IZES) gehen. Das Thema lautete: \u00abBedarfsgerechte Produktion und alternative Vermarktungswege f\u00fcr Biogasstrom in Luxemburg\u00bb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Professor Leprich machte in seinem Vortrag zun\u00e4chst deutlich, da\u00df es gro\u00dfe Unterschiede zwischen Deutschland und Luxemburg in puncto \u201ebedarfsgerechte Stromproduktion\u201c gibt. Er zeigte auf, da\u00df es zwar in beiden L\u00e4ndern tages- und jahreszeitenbedingt riesige Unterschiede bei der Lastkurve gibt, die den aktuellen Strombedarf wiedergibt. Doch w\u00e4hrend in Deutschland unabh\u00e4ngig von der Jahreszeit ein recht einheitlicher Tagesverlauf zu beobachten ist mit Peaks am Mittag und am fr\u00fchen Abend, ist dies in Luxemburg anders. Die Tageszeitschwankungen sind weitaus geringer, die Unterschiede zwischen Sommer und Herbst aber viel gr\u00f6\u00dfer als in Deutschland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wissenschaftler stellte im folgenden dar, wie in Deutschland der Bedarf derzeit gedeckt wird und welche \u00c4nderungen diesbez\u00fcglich von der in Berlin beschlossenen Energiewende zu erwarten sind. Die sogenannte Grundlast macht den Teil aus, der immer gebraucht wird. Sie wird haupts\u00e4chlich erzeugt von unflexiblen Anlagen, die immer laufen m\u00fcssen, und zwar in der Hauptsache Kernkraft- und Braunkohlekraftwerke. Dar\u00fcber steht die Mittellast, erzeugt von Kraftwerken, die nicht immer gebraucht werden (haupts\u00e4chlich Steinkohlekraftwerke). Zum Schlu\u00df schlie\u00dflich die Spitzenlast, die von kurzfristig in Gang gebrachten Gaskraftwerken und Pumpspeicherkraftwerken getragen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Experte zeigte in diesem Kontext beispielhaft die Anteile der Energietr\u00e4ger in Deutschland am 23. Februar 2013 anhand der Daten der Leipziger Stromb\u00f6rse (European Energy Exchange, EEX) auf. Diese Daten k\u00f6nnen im Internet abgerufen werden (<a href=\"http:\/\/www.transparency.eex.com\/de\">http:\/\/www.transparency.eex.com\/de<\/a>). Daraus ist zu ersehen, da\u00df Braunkohle und Kernkraft momentan rund zwei Drittel der Gesamtlast abdecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Professor Leprich machte deutlich, da\u00df sich das Bild in Zukunft dramatisch ver\u00e4ndern wird. Er sprach in diesem Kontext von der Abkehr von der \u201eGrundlastwelt\u201c, hin zu einer \u201eResiduallastwelt\u201c. Unter Residuallast ist die Differenz aus der gesamten Stromerzeugung, dem eingespeisten gr\u00fcnen Strom und dem privat verbrauchten bzw. vermarkteten gr\u00fcnen Strom zu verstehen, also das was k\u00fcnftig erzeugt werden mu\u00df, um quasi den Mangel an Erneuerbarem Strom bei der Gesamtlast auszugleichen. F\u00fcr 2050, wenn nach den Planungen der Energiewende 80% des Strombedarfs mit EE gedeckt werden sollen, sagte er in der Tendenz das Ende der Grundlast voraus. Hierf\u00fcr zeigte er Prognosen, die f\u00fcr 2050 eine nur noch geringe Residuallast zeigen, wobei an etlichen Tagen der gr\u00fcne Strom (Wind, Photovoltaik, Wasser, Biogas\/Biomasse) bereits \u00fcber 100% des Bedarfs decken w\u00fcrde. Eine Speicherung von Energie w\u00e4re dann unerl\u00e4\u00dflich.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\"><b>Windkraft und Photovoltaik k\u00fcnftig im Zentrum des Systems<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bedarfsgerecht produzieren hie\u00dfe dann, flexibel und rasch die Residuallast aufzubringen und sich der Situation bei Wind und Photovoltaik anzupassen, welche das Zentrum des neuen Stromerzeugungssystems darstellen w\u00fcrde. Zur Flankierung seien Flexibilit\u00e4tsoptionen n\u00f6tig, da Wind und PV als Stromquelle zu ungleichm\u00e4\u00dfig seien. Hierzu seien neue flexible Kraftwerke und stromorientierte KWK-Anlagen mit W\u00e4rmespeicher erforderlich, irgendwann zus\u00e4tzlich Speichermedien f\u00fcr Strom. Zu Luxemburg sagte er diesbez\u00fcglich, da\u00df die hier vorhandenen Gaskraftwerke ohnehin flexibler seien als die in Deutschland dominierenden Kohlekraftwerke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Professor Leprich f\u00fchrte im folgenden aus, da\u00df Biogas ebenfalls Bestandteil der flankierenden Flexibilit\u00e4tsoptionen f\u00fcr das k\u00fcnftige System werden k\u00f6nnte. In Deutschland spricht man bereits davon, da\u00df grundlastbetriebene KWK ein Auslaufmodell sind. Biogasanlagenbetreibern w\u00fcrde man deshalb schon jetzt vermitteln, da\u00df sie sich flexibilisieren m\u00fc\u00dften, um die Erg\u00e4nzungsrolle zuk\u00fcnftig leisten zu k\u00f6nnen. Neben der stromorientierten KWK-Anlage k\u00f6nnte dies potentiell auch durch mit Biomethan betriebene Gaskraftwerke oder Zufeuerung von Biomasse in Kohlekraftwerken sein. Zudem k\u00f6nnten Biogas-\/Biomasse-Anlagen einen Beitrag zur Systemsicherung leisten (Frequenzregelung und Bereitstellung von Blindleistung u.a.).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Marktpreise sinken mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im folgenden kam der IZES-Experte auf die Vermarktung von Strom zu sprechen. Er sprach davon, da\u00df es \u201eden\u201c Strommarkt gar nicht gibt, sondern verschiedene Teilm\u00e4rkte. Als wichtigsten Teilmarkt stellte er den Gro\u00dfhandelsmarkt vor, der von gro\u00dfen Stromanbietern genutzt wird, und innerhalb dieses Markts wiederum die Stromb\u00f6rse mit Spotmarkt und Terminmarkt. Er legte anhand einer Graphik bez\u00fcglich des Strom-Terminmarkts dar, da\u00df der Preis seit 2008 kontinuierlich nach unten geht. In diesem Kontext kam Professor Leprich auf die Marktpreisbildung zu sprechen. Diese wird gepr\u00e4gt durch eine wenig flexible Nachfrage und eine sog. Merit-Order, die die Abfolge der Kraftwerkstypen je nach Brennstoffkosten und CO<sub>2<\/sub>-Zertifikatskosten wiedergibt, wobei deren quantitative Bedeutung f\u00fcr den Strommarkt jeweils durch eine unterschiedlich lange \u201eTreppenstufe\u201c (siehe Graphik) gekennzeichnet ist. Der Marktpreis ergibt sich aus dem Schnittpunkt von Merit-Order und Nachfragekurve. Daraus folgt, da\u00df sich die Merit-Order weiter nach rechts verschiebt, wenn Energietr\u00e4ger ohne Brennstoffkosten (Wind, PV, Wasser) an Bedeutung zunehmen. Dies f\u00fchrt wiederum dazu, da\u00df die Nachfragekurve die Merit-Order im Laufe der Zeit auf einem niedrigeren Niveau schneiden wird, also der Marktpreis sinkt. Je mehr Strom aus Wind und PV vorhanden ist, desto niedriger wird also der Strompreis. Dies bezeichnete der Experte als <i>Merit-Order-Effekt<\/i>. Damit widersprach er den Verhei\u00dfungen, wonach die Erneuerbaren Energien in der Stromerzeugung eines Tages ohne Subventionen bzw. Umlagesystem auskommen und sozusagen marktf\u00e4hig werden k\u00f6nnten. Vielmehr sei es so, da\u00df bei sinkenden B\u00f6rsenpreisen die Pr\u00e4mien kontinuierlich erh\u00f6ht werden m\u00fc\u00dften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Professor Leprich merkte an, da\u00df der Merit-Order-Effekt, der auf alle Teilm\u00e4rkte wirkt, solange G\u00fcltigkeit hat, wie die Brennstoff- und Zertifikatskosten der fossilen Energietr\u00e4ger gering bis moderat bleiben. Bei dem heutigen Grenzkosten-basierten Strommarkt seien Biogas-\/Biomasse-Produzenten gegen\u00fcber konventionellen Stromerzeugern im Hintertreffen. Bei den Kapitalkosten liege hingegen die Kernkraft mit Abstand am h\u00f6chsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Referent zeigte auf, da\u00df Gasturbinen als Flexibilit\u00e4tsoption viel kosteng\u00fcnstiger sind als Biogas-\/Biomasse-BHKW. Zur Umr\u00fcstung w\u00e4ren bei Biogas-BHKW zus\u00e4tzliche Investitionen in W\u00e4rmespeicher, gr\u00f6\u00dfere Biogasspeicher und ein zweites BHKW n\u00f6tig. Diese Zusatzkosten seien wegen ohnehin mangelnder Refinanzierungsf\u00e4higkeit am Gro\u00dfhandels- und Regelmarkt \u201ebegr\u00fcndungsbed\u00fcrftig\u201c. Es werde ein zus\u00e4tzlicher Refinanzierungsmechanismus gebraucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\"><b>Deutsche Flexi-Pr\u00e4mie f\u00fcr Biogasanlagen reicht nicht aus<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Professor Leprich stellte verschiedene Aspekte der Direktvermarktung von Strom in Deutschland gegen\u00fcber. Im letzten Jahr stieg erstmals die Direktvermarktung von EEG-Strom rapide auf \u00fcber 25 MW Leistung. Den L\u00f6wenanteil machte hierbei die Windkraft mit rund 70% aus. Das deutsche Pr\u00e4miensystem wird immer komplexer: Zu der dominierenden Marktpr\u00e4mie wurde noch eine Managementpr\u00e4mie eingef\u00fchrt. F\u00fcr flexible Biogasanlagen gibt es erstmals zus\u00e4tzlich die M\u00f6glichkeit einer Flexibilit\u00e4tspr\u00e4mie (als Anreiz zu Investitionen in Speicher und Erh\u00f6hung der Anlagenkapazit\u00e4t), die f\u00fcr zehn Jahre beantragt werden kann. Zu den Nachteilen der Direktvermarktung z\u00e4hlt neben den n\u00f6tigen Zusatzinvestitionen und weiteren Zusatzkosten (h\u00f6herer Verschlei\u00df, h\u00f6here laufende Kosten) u.a., da\u00df die Pr\u00e4mien bei den Gesamterl\u00f6sen immer mehr an Gewicht gewinnen. F\u00fcr weniger als 150 Anlagen wurde die Flexibilit\u00e4tspr\u00e4mie beantragt, die offenbar noch nicht Anreiz genug ist. F\u00fcr den IZES-Experten ist klar, da\u00df die Flexibilit\u00e4tspr\u00e4mie deutlich erh\u00f6ht werden m\u00fc\u00dfte, damit sie wirken kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich kam der Referent auf die Konsequenzen f\u00fcr Luxemburg zu sprechen und stellte hierzu die Verteilung auf dem heimischen Strommarkt vor. Mehr als die H\u00e4lfte des Strombedarfs wird durch Importe gedeckt, insbesondere aus Deutschland (derzeit vor allem Grundlaststrom aus Kohle und Kernkraft). Der regenerative Strom machte in der Graphik mit dem Bezugsjahr 2009 gerade einmal 2,6% des Stromverbrauchs aus. Professor Leprich machte deutlich, da\u00df man mit der Ersetzung von importiertem Grundlaststrom durch die Binnenerzeugung von Erneuerbarem Strom viele Fliegen mit einer Klappe schlagen kann: Klimaschutz durch weniger Braunkohleverbrennung, Risikominimierung durch Ersatz von Kernenergie, Verringerung der Importabh\u00e4ngigkeit, St\u00e4rkung der regionalen Wertsch\u00f6pfung, Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen, etc&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\"><b>Flexibilisierung in Luxemburg nicht erstrebenswert<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufgrund der g\u00e4nzlich anderen Situation in Luxemburg kam der Experte zu dem Schlu\u00df, da\u00df mittelfristig hierzulande weder die oben angef\u00fchrte Flexibilisierung noch die Direktvermarktung von regenerativem Strom anzustreben ist. F\u00fcr die F\u00f6rderung der Biogas-BHKW reichen die normalen energie- und klimaschutzpolitischen Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die Festlegung der Einspeiseverg\u00fctungen seinen Worten zufolge wahrscheinlich nicht aus, um die Wirtschaftlichkeit zu gew\u00e4hrleisten. Es sollte vielmehr ein \u201eBegr\u00fcndungspakt\u201c geschn\u00fcrt werden, wo neben den oben angef\u00fchrten Aspekten auch Vorteile bez\u00fcglich Abfallwirtschaft, nachhaltiger Landwirtschaft, Wasserschutz und Landschaftsgestaltung mit einflie\u00dfen sollten. Au\u00dferdem empfahl Professor Leprich, verst\u00e4rkt europ\u00e4ische \u201eKosten-Benchmarks\u201c zu ber\u00fccksichtigen, um die Verg\u00fctungen in einem angemessenen Rahmen zu halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem Ausblick hielt der IZES-Experte folgende Anmerkungen fest:<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Biogas ist ein CO<sub>2<\/sub>-neutraler Energietr\u00e4ger, der in einem dekarbonisierten Energiesystem ein wichtiges Element darstellt.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Je st\u00e4rker das Energiesystem durch fluktuierende erneuerbare Energien gepr\u00e4gt wird, desto st\u00e4rker m\u00fcssen die regelbaren erneuerbaren Energien flexibilisiert werden.<\/li>\n<li>In Luxemburg dienen Biogasanlagen auf absehbare Zeit\u00a0 der Verdr\u00e4ngung von fossilem und nuklearem Importstrom; die Verg\u00fctung daf\u00fcr sollte \u201eangemessen\u201c sein.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum zweiten Punkt merkte er an, da\u00df in Luxemburg mindestens in den n\u00e4chsten zwei Jahrzehnten kein Flexibilisierungsbedarf bestehen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der anschlie\u00dfenden Diskussion kam auch die praktische Ausgestaltung der Strom-Direktvermarktung in Deutschland zur Sprache. Derzeit gilt als sogenannte \u201ePr\u00e4qualifikationsanforderung\u201c, da\u00df mindestens 5 MW Leistung aufgebracht werden m\u00fcssen, zum Beispiel von einer Direktvermarktergemeinschaft. Diese Mindestleistung, die \u00fcber 70% der derzeitigen Gesamtleistung der heimischen Biogasanlagen entspricht, wird laut Professor Leprich voraussichtlich k\u00fcnftig reduziert werden.<\/p>\n<p><b>Zeilen zur Graphik:<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei einem starken Ausbau von Windkraft und PV r\u00fcckt die treppenf\u00f6rmige Kurve deutlich nach rechts, wodurch der Gleichgewichtspreis f\u00fcr Strom weiter sinken wird. Nur ein starker Anstieg der Kosten f\u00fcr fossile Brennstoffe und CO<sub>2<\/sub>-Zertifikate k\u00f6nnte dem entgegenwirken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fachvortrag von Professor Leprich im Rahmen der Biogaskonferenz in Ettelbr\u00fcck\u00a0 Am 26.02.2013 veranstaltete die Biogas-Vereenegung eine Fachkonferenz in Ettelbr\u00fcck. 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